Wieland, Georges: Schweigen in Biederdorf

Roman

 

Biederdorf gilt als bescheidene Gemeinde, als kleine Welt mit vertrauten Verhältnissen, eingespielten Regeln, ein funktionierendes Getriebe ohne nennenswerte Störung.

Vera, eine junge Lehrerin, übernimmt eine Klasse an der Volksschule und lässt sich in Biederdorf nieder. Bald vermutet sie, dass der in der Gemeinde hoch geachtete Turnlehrer Schüler sexuell missbraucht. Sie interveniert, legt sich an mit dem Schulleiter, mit der Aufsichtsbehörde, mit dem Kinderarzt etc. Es herrscht eine Kultur des Wegschauens, alle stellen sich, eine seltsame Verdrängung, schützend vor den allseits beliebten Turner, der, vielseitig engagiert in Partei und Vereinen, schlafwandlerisch die Menschen zu seinem Vorteil manipuliert. Vera trägt Beweise zusammen; es will ihr nicht gelingen, den pädophilen Lehrer zu überführen.

Sie wird zur Verleumderin, zur Nestbeschmutzerin. Infolge einer unglücklichen Verliebtheit in einen schönen Albaner wird sie als Albanernutte verschrien, gemieden und bedroht.

Sie weiß sich nicht mehr zu helfen.

Der Ertrinkungstod im nahen Fluss eines ihrer Schüler, Sohn einer alleinerziehenden Mutter, den der Pädophile bedrängt hat, erschüttert die Dorfgemeinschaft. Vera handelt wieder, die Geschichte strebt auf ein ausreichend gutes Ende zu ...

 

zu Georges Wieland

 

IL-Verlag 2014

Paperback, 210 S.

ISBN: 978-3-906240-01-5

 

 

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BaZ. Do. 21.08.2014
BaZ. Do. 21.08.2014

Das Thema der Pädophilie ist hochaktuell.

 

Meist erfährt man davon, wenn Täter überführt werden. Der Autor Georges Wieland zeigt hingegen auf, wie schwierig es sein kann, einen Täter zu entlarven.

Georges Wieland (Geburtsjahr 1936) hat sich nach seiner Tätigkeit als kaufmännischer Angestellter für Germanistik, Französisch und Geschichte entschieden und das Studium mit einer Dissertation über den Zürcher Schriftsteller Albin Zollinger abgeschlossen. Lange Jahre unterrichtete er an der Kantonsschule Küsnacht. Nach dem Roman „Das Vorhaben“ (2003), einem Kriminalroman „Tod am Sihlquai“ (2009) und einer Erzählung „Evangelos“ (2012) liegt nun sein 4. Buch vor.

Der Ort des Geschehens gleicht einem jener unzähligen Dörfer, in dem die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Schule und Behörden funktionieren. Jeder kennt jeden. Man weiss, wer in den zwei, drei Wirtshäusern verkehrt. Im Frohsinn wird die Dorfpolitik gemacht, die zahlreichen Vereine sorgen für intensive Kontakte unter der Bevölkerung, was dazu führt, dass jeder der gut 5'000 Dorfbewohner über das unbedeutendste Ereignis in Kürze Bescheid weiss. Man lebt – der Name sagt es – in einem Biederdorf.

Hier übernimmt im neuen Schuljahr die junge Lehrerin Vera Bodmer eine 4. Klasse. Nach Schwierigkeiten mit dem Schulleiter in der Stadt freut sie sich auf das Landleben. Das eingespielte Lehrerteam nimmt kaum Notiz von der Neuen. Einzig der Turnlehrer Urs Schweri kümmert sich um sie. Er erteilt Sportunterricht an verschiedenen Schulklassen, u.a. auch an der Klasse der unsportlichen Vera. Daneben sitzt er im Vorstand der Liberalen Partei, führt das Sekretariat der „Pro Biederdorf“ und leitet den Frauenturnverein. Der smarte junge Mann ist allseits beliebt.

Als die Schülerinnen und Schüler einen Aufsatz zum Thema „Begegnung mit einem Tier“ schreiben, berührt es Vera seltsam, dass ein Viertklässler den Titel umgeformt hat zu „Begegnung mit einem Bär“. Er schreibt von einer Mutprobe und fährt fort: „Da kam ein grosser Bär auf mich zu. Seine Augen schauten mich fest an. Er wollte lieb sein, aber er war grausig und ich hatte ganz fest Angst.“ Will der 4. Klässler wirklich einem Bären gegenüber gestanden haben, während die andern Schülerinnen und Schüler über Begegnungen mit Rehen, Füchsen, Meerschweinchen, Hunden und Katzen schreiben? Als Vera an einem der folgenden Abende im Duschraum der Turnhalle noch Licht sieht, die Türe aber abgeschlossen ist und zuerst ein 14-jähriger Schüler, danach der Turnlehrer das Haus verlässt, steigt ein schlimmer Verdacht in ihr auf. Sie stellt fest, dass Urs gelegentlich Schüler mit seinem sportlichen Jaguar verspätet nach Hause fährt.

Als Vera mit äusserster Vorsicht Kolleginnen und Vorgesetzte auf ihre Wahrnehmungen aufmerksam machen will, stösst sie auf eine breite Abwehrfront. Doch nicht der umgängliche, beliebte Urs! Weder der Schulleiter noch der Schularzt noch der Dorfpfarrer wollen entfernt den Turnlehrer verdächtigen. Man will sich die Dorfruhe nicht stören lassen. Ein klassischer Verdrängungsprozess setzt ein. Statt den Indizien nachzugehen, brandmarkt man die neue Lehrerin als Ruhestörerin.

Der Autor zeigt auf eindrückliche Weise die Mechanismen auf, die in einer solchen Situation in Gang kommen. Feinfühlig nimmt er wahr, was im Dorf abläuft. Vera möchte den Verdächtigten so rasch wie möglich daran hindern, weiteres Unheil anzurichten. Statt dessen setzt ein Kesseltreiben gegen sie, die Ruhestörerin, ein, das zusätzliche Nahrung erhält, als sie mit einem Albaner gesehen wird. Vera macht sich einen Spass daraus, ihre Freundin Lou mit Kürzest-SMS auf dem Laufenden zu halten. Ganz im Sinn des antiken Chores kommentieren die beiden pensionierten Dörfler Lieni und Lorenz die Geschehnisse im Dorf. Wohltuend ist, dass sich der Autor entgegen dem heutigen Trend nicht auf Details im Umgang des Turnlehrer mit dem Jungen einlässt, sondern das Augenmerk ganz auf die Reaktionen der Dorfgemeinschaft und der betroffenen Eltern richtet.

Es ist das Verdienst des Autors, aufzuzeigen, wie wenig sensibel die Umgebung trotz aller Aufklärung in Sachen Pädophilie noch immer ist. Verblüffend genau schildert er das soziale Gefüge von Biederdorf. Mindestens so eindrücklich wie das gut getarnte Treiben des Turnlehrers ist die Tatsache, dass sich eine Dorfgemeinschaft von einem Menschen, der sich beliebt zu machen versteht, einlullen lässt und gern die Augen vor Dingen verschliesst, welche die dörfliche Ruhe stören könnten.

 

H. Boxler

Feldmeilen, 28.5.2014

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