Jermann, Jörg: Gib Gas, Hans

Kurzprosa

 

Die kurzen Geschichten von Jörg Jermann geben Eindrücke wieder, Ausschnitte, Erhaschtes. Sie sind voller Abbrüche und Widerhaken, gleichzeitig aber auch hemdsärmlig, grantig und kantig. Sie spielen in Basel, an Küsten und in Frankreich. 


Illustrationen: A. Chiquet

Die Schwarzweiss-Zeichnungen von Andreas Chiquet sind weitgehend gegenstandslose, gestische Echos auf die Texte.

 

Textausschnitt:

Da blitzt gegenüber plötzlich ein kleiner, einseitiger Lacher auf im rechten Mundwinkel des Schwiegersohns und er zieht missbilligend die Augenbrauen hoch, neigt den Kopf vogelartig schräg und mit einer ganz kleinen Bewegung des linken Armes und einem kleinen Zucken im Hals äfft er die Versuche des Alten nach. Dieses kleine Amusement macht nun die Runde, man sieht sich kurz an und hat endlich ein Thema gefunden, auch wenn kein Wort gesprochen wird.

 

zu Jörg Jermann

 

IL-Verlag 2016

Hardcover mit Umschlag 224 S.

ISBN: 978-3-906240-35-0

 

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bz Basellandschaftliche 3.2.2016

«Man ist ja immer am Stürzen»

VON VERENA STÖSSINGER

Literatur «Gib Gas, Hans» – Autor Jörg Jermann debütiert mit einem Kurzprosa-Band, der 61 Texte umfasst

 

«Wieder Nacht, wieder Regen, wieder Kälte.» Mundwiler fährt mit dem Velo ins Fussballstadion. Der Platz ist reserviert, «eine Rampe auf Höhe des Sechzehners». Aber er ärgert sich dann bloss über andere Matchbesucher, muss an die Mutter denken, die im Heim vor sich hin stirbt, und freut sich darauf, den Heimweg «über die weiten Felder und durch die dunklen Wälder» auszudehnen.

 

Die Figuren in Jörg Jermanns kurzen Texten wünschen sich oft woanders hin. Sie müssen alles beobachten, gehören nicht richtig dazu und wundern sich, «mit wie viel Kälte und Zufall und Beschäftigungen das Leben vorbeirauscht». Sie wissen von Familien, die auseinanderfallen, bis nur die Hilflosen übrig sind – Céline zum Beispiel, die in die Psychiatrie verbracht wird: «Gib Gas, Hans.» Es sind traurige Gestalten, eingesperrt in ihre Gedanken; die Vorbilder tot, Identitäten diffus, Träume werden schnell zu Albträumen. Der allgegenwärtige gierige Konsum erscheint als Kriegsgeschehen, und die Realität löst Krimi-Erlebnisse ein: Nicht nur die Luxusvilla in Bluntschis Nachbarschaft wird nämlich von Terroristen abgefackelt, sondern sein Haus gleich mit.

 

Minutiöser Spracharbeiter

 

61 Texte sind es, die der Band versammelt. Trotz des muskulösen Titels sind es dunkel grundierte Skizzen, «Eindrücke, Ausschnitte, Erhaschtes», bestärkt durch schwarz-weisse, impulsive «Intermezzi» von Andreas Chiquet: «Gestische Echos» in breiten Pinselstrichen, die an verwilderte Landschaft denken lassen oder kühn vergrösserte organische Strukturen. Sie tun den Texten gut, sie erden sie. Denn der Autor – viele Jahre Lehrer und Schulleiter, daneben Lyriker, Dramatiker, Theaterregisseur und -kritiker (auch bei der bz) und aktiv in der Literaturkommission Basel-Stadt/Baselland – ist ein fast allzu gewissenhafter Spracharbeiter.

 

Seine Texte sind voller Reihungen und Differenzierungen, suchen beharrlich nach immer grösserer Genauigkeit; verheddern sich dabei gelegentlich syntaktisch und semantisch im Gestrüpp ihrer Setzungen, finden aber auch zu bedrängend einfacher Klarheit – besonders berührend in der Beschreibung von Kindern, Versehrten und alten Menschen, jenen, die oft genug zum Vornherein «an den Rändern» unserer dynamisierten Gesellschaft stehen.

 

«Man ist ja immer am Stürzen.» Jermanns Figuren schweigen viel, sie sehnen und ekeln sich und tasten sich durch ihre Lebenswelt. «Glück sieht anders aus», und Liebende werden am besten gleich nur noch imaginiert: «Jean und Jane, die zwei denk ich mir weiter.» Und das Erzählen, das diesen Lebensfragmenten beizukommen versucht, muss sich manchmal aus der Mundart bedienen («ich sei ein gspunnener Juppiduler») oder sarkastisch Buchstaben austauschen («Liebe Voldaten und Verleidiger unseres Pfandes»), und einmal schraubt es sich auch in eine Denkverhunzung hinein, die Grossbuchstaben und Satzzeichen schon von sich geworfen hat und immer roher wird und primitiver: «Sag nüt los zue sunsch eins uff frässi...» Da sucht sich wohl existenzielle Verstörtheit ihren Ausdruck und eine mögliche Form.

Buchvernissage im Literaturhaus Basel: mit Andreas Chiquet (wilde Bilder) und Alex Hendriksen (Saxophon). Moderation: Isabel Zürcher

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